Christiane Birr

Fotografie

Nizza im Hochformat

Nizza, sagt man, sei einer der Orte, in denen der moderne Tourismus quasi erfunden wurde; ich weiß nicht, ob und inwieweit das stimmt. Jedenfalls ist der Fremdenverkehr für Nizza eine bedeutende Einnahmequelle und prägt die Stadt der Mitte des 19. Jahrhunderts, als man die Stadt an das Eisenbahnnetz anschloss. In kurzer Zeit entwickelte sie sich zu einem Treffpunkt des europäischen Hochadels; die Villen und Prachtbauten, die für die anspruchsvollen und reichen Sommerfrischler gebaut wurden, prägen noch heute das Stadtbild in der so genannten Neustadt - auch, wenn an vielen dieser herrschaftlichen Häuser der sprichwörtliche Zahn der Zeit schon erheblich genagt hat; ungeachtet der oft prächtigen Fassaden ist an vielen Stellen die Armut in der Stadt nicht zu übersehen.

In einem von so vielen Touristen besuchten Ort wie Nizza ist es so gut wie unmöglich, Motive zu finden, die nicht schon unzählige Male fotografiert worden sind. Das gilt ganz besonders, wenn man sich – wie ich – in denselben Stadtgebieten bewegt, die auch das touristische Zentrum bilden, also im Kern der historischen Altstadt, dem Vieux Nice, dessen verwinkelte Gassen und hohe Häuser auf das 16. Jahrhundert zurückgehen, in der Neustadt der Belle Époque-Bauten an der Place Masséna und der Place Garibaldi, am Lympia-Hafen, in dem man die schnörkellosen Fähren nach Korsika ebenso sehen kann wie futuristisch anmutende Privatyachten, und auf der Promenade des Anglais, Nizzas berühmter Strandpromenade.

In den letzten Jahren bin ich immer wieder einige Tage in Nizza verbracht, und dabei ist mir etwas aufgefallen: Normalerweise ertappe ich mich beim Fotografieren immer wieder dabei, fast ausschließlich im Querformat zu bleiben und viel zu selten die Möglichkeiten des Hochformats auch nur in Betracht zu ziehen – ich vergesse einfach, im Hochformat zu denken und zu sehen. Das Querformat kommt dem menschlichen Seheindruck am nächsten, unsere Augen sehen Bilder im Querformat, wir sind Filme und Computer-Bildschirme im Querformat gewöhnt – auch wenn Reels auf Instagram und Tiktok jetzt neue Sehgewohnheiten etablieren und bewegte Bilder im Hochformat längst nicht mehr so außergewöhnlich wirken wie noch vor einigen Jahren.

Meine Sehgewohnheiten sind allerdings noch old school, eher quer als hoch – nur in Nizza ist das merkwürdigerweise anders. Nur in dieser Stadt drängen sich die hochformatigen Perspektiven geradezu auf und das Verhältnis von Hoch- zu Querformat in meinen Bildern kehrt sich um. Wahrscheinlich, weil in den engen Gassen der Altstadt mein Blick ganz unwillkürlich nach oben wandert, auf der Suche nach einem Stückchen Himmel.

Und auch in den anschließenden Stadtvierteln, die von Gebäuden der Belle Époque dominiert, schaue ich immer wieder nach oben: auf die Balkone, die Pflanzen auf ihnen, auf die verzierten Fassaden der alten Zeit und schließlich auch auf die schnörkellosen Balkone und Fenster der nüchternen Wohnbauten, die seit den 1950ern in der Stadt entstanden sind.

Auch in den Cafés bleibt mein Blick viel häufiger an Hochformatkompositionen hängen als an anderen Orten, und selbst am Meer, das ich an jedem anderen Ort ohne zu zögern als ein Motiv ansehe, das nach Quer- oder sogar Panoramaformat verlangt, erscheint es mir dort viel natürlicher, die Kamera zu drehen und zu versuchen, die Weite des Himmels und des Wassers in aufsteigenden Schichten abzubilden.

Und so nehme ich mir nach jedem Besuch den guten Vorsatz mit nach Hause, die Kamera auch an anderen Orten öfter einmal zu drehen und die Möglichkeiten des Hochformats zu erkunden. Bis jetzt allerdings ist dieses Format für mich fast ausschließlich und ganz natürlich mit Nissa la Bella * verbunden.


* Nissa la Bella ist die inoffizielle Hymne der Stadt mit einem Text im lokalen nissart, einer Form des Okzitanischen – heute wird sie vor allem bei Fußballspielen laut und mit Hingabe gesungen: https://youtu.be/TImnxJQFbXg