Christiane Birr

Fotografie

Triumph der Herzen

Während meines letzten Aufenthalts in Edinburgh im Mai 2014 war ich mitten in die heiße Phase um die schottische Fußballmeisterschaft geraten, die sich damals ausgerechnet im Edinburgher Lokalderby entschied: die grün-weißen Hibernians Edinburgh gegen die rot-weißen Hearts of Midlothian. Oder, wie es überall hieß: Hibs versus Hearts. Der Leith Walk ist Hibs Territory, das war am Samstagmorgen schon klar, als nahezu alle Pubs grün-weiße Luftballons an die Fenster und Türen gehängt und die meisten Nachbarn ihre Wochenendeinkäufe in den Clubfarben erledigt hatten.

Um es kurz zu machen: Die Hibs haben verloren und zwar schallend. Am Ende stand es 5:1 für die Hearts. Im Fernsehen liefen in einer Art Endlosschleife die Jubelszenen nach dem Abpfiff und die Interviews am Spielfeldrand mit den strahlenden Siegern.Der Kommentar in "meinem" Hibs Territory: Och, fuck off, ye mongrels!

Am Sonntag dann die Geschichte der Sieger: Empfang für die Hearts in der City Hall, dann Triumphzug die Royal Mile hinauf und ins eigene Stadium zur Meisterfeier.

Wir warten alle ziemlich lange darauf, daß der Mannschaftsbus vor der City Hall vorfährt.

Während der Wartezeit dirigieren Pressefotografen und Fernsehteams die wartenden Fans: singen, Fahnen schwenken, Begeisterung zeigen.

Interessant zu sehen, wie gestellt diese Presse- und Fernsehbilder tatsächlich sind: Auf Kommando und nach Anweisung der Fotografen bzw. Kameraleute werden Kinder auf Schultern gehoben, Fahnen getauscht oder umgedreht, es wird gesungen, gewunken, gestikuliert. Klar: die brauchen und wollen möglichst typische Bilder auf möglichst effiziente Weise. Aber wo verläuft die Grenze zwischen Dokumentation, dem Arrangieren vorgefundener Elemente und dem Herstellen einer Situation für die Kameras?

Auch nach-denkenswert: das Suchen nach typischen Bildern. Wie feiernde Fußballfans aussehen, davon haben wir alle ein Bild im Kopf, und dieses Bild versuchen die Fotografen und Kameraleute so „schön“, und das heißt: so typisch, wie möglich zu reproduzieren. Es erinnert mich an das Gesellschaftsspiel der Scharaden: Bekannte Szenen werden mit den jeweils Anwesenden nachgestellt, dabei gilt es, ein überkommenes Repertoire an Gesten für jede Situation abzuarbeiten: Trauer sieht so aus, Freude so, Triumph so. Gut ist die performance, wenn diese Gesten gut getroffen und eindeutig lesbar sind. – Solche gestischen Formeln scheinen auch Nachrichtenbilder zu dominieren: Feiernde Fußballfans sehen so aus, beratende Politiker so, demonstrierende Politiker so – die Liste der festen Typen, die in unseren Nachrichten auftreten, ist lang, aber überschaubar. Eine Reduktion von Komplexität, um das Geschehen in der Welt übersichtlicher und innerhalb von dreiminütigen Fernsehbeiträgen bzw. 20-zeiligen Zeitungsartikeln darstellbar zu machen? Ja, sicher. Und wird damit das Geschehen nicht erst sichtbar? Ja, auch. Aber Bilder werden gemacht, nicht nur vom Fotografen oder Kameraleuten, und oft genug breiten sie den Schleier der Scharade über die Welt.