Familienbilder
Einige Tage in Berlin, erst wegen der Arbeit, dann noch das Wochenende, um etwas länger in der Hauptstadt zu bleiben. Das gibt mir auch die Gelegenheit, am letzten Tag in der Robert Morat Galerie, Linienstraße 107, einige Bilder aus Christopher Andersons Buchprojekten "Son", "Mia" und "Marion" zu sehen.
Die Bilder, hat Anderson einmal gesagt, sind weder Kunst noch Dokumentation, sie sind Liebeserklärungen. Und so leuchten sie auch in der kleinen Galerie. Wenige Bilder, gut ausgesucht, schön gehängt in den ineinandergreifenden Räumen mit den Wanddurchbrüchen und Perspektiven.
Zwei Familienfotos, keine außergewöhnlichen Situationen, Bilder, die es aus meiner Kindheit auch geben könnte. Ah ja. Die erste Spur. Die positive.
Und das andere Bild? Das ich zuerst gar nicht ansehen wollte. An dem ich geradezu ärgerlich vorbeigegangen bin. So ärgerlich, dass es mich selbst gewundert hat. Und ich mich förmlich gezwungen habe, stehen zu bleiben und hinzusehen.
Ein Vater mit Kind. Er sieht jung aus, glücklich, stolz. Strahlend stolz. Das Kind auf dem Arm hält sich fest, verbirgt das Gesicht hinterm Vater, er ist der Schutz vor der Welt. Und er glüht in die Kamera vor Liebe und Glück. Das Leuchten, das ihn von hinten trifft, unterstreicht das Strahlen des Glücks nur noch.
So, wie ich mich im vorigen Bild mit dem Kind in eins setzen konnte, so könnte ich es hier mit dem jungen Vater. Das Kind auf diesem Bild hat mir nichts zu sagen, es ist stumm: das Objekt, das Vaterschaft hervorbringt und zugleich anzeigt. Also der junge Mann. Und hier beginnt meine Abwehr. Hier ist das Glück, das ich mir im Leben auch gewünscht habe. Elternschaft. Kinder. Diese wilde, stolze, ungläubige Liebe. Alles in seinem glücklichen Gesicht enthalten. Und in dem Licht, das in ihm und um ihn herum leuchtet. In meinem Leben nicht. Wie sehr mich damals die Erkenntnis zerstört hat, dass ich nie ein Kind bekommen werde. Wie lange ich gebraucht habe, um mit ihr weiterzuleben. Heute ist der Schmerz tief ins Innere gewandert, eine Farbe in der dunklen Grundierung auf der Leinwand. Jeden Tag ist er nicht mehr zu spüren, manchmal scheint es, als gebe es ihn nicht mehr.
Es braucht schon eines so meisterhaften Bildes wie dieses, um den Schmerz zurück in den Vordergrund der Gefühle zu holen.
Es genügt ein fremdes Familienfoto, und er ist wieder da.