Christiane Birr

Fotografie

Familienbilder

Einige Tage in Berlin, erst wegen der Arbeit, dann noch das Wochenende, um etwas länger in der Hauptstadt zu bleiben. Das gibt mir auch die Gelegenheit, am letzten Tag in der Robert Morat Galerie, Linienstraße 107, einige Bilder aus Christopher Andersons Buchprojekten "Son", "Mia" und "Marion" zu sehen.

Die Bilder, hat Anderson einmal gesagt, sind weder Kunst noch Dokumentation, sie sind Liebeserklärungen. Und so leuchten sie auch in der kleinen Galerie. Wenige Bilder, gut ausgesucht, schön gehängt in den ineinandergreifenden Räumen mit den Wanddurchbrüchen und Perspektiven.

Ich bin nicht die einzige Besucherin. Aber ganz offensichtlich keine potentielle Kundin, der Galerist ignoriert mich weiträumig. Er hat ja recht. Und gibt mir viel Zeit und Muße, mich mit den Bilder zu beschäftigen. Ein langsamer Rundgang, eine kleine Pause, dann noch einmal. Bei aller Freude, den Bildern in guten Abzügen gleichsam körperlich zu begegnen, bin ich bei zweien von ihnen über meine intensive Reaktion verwundert. Über eine starke positive Reaktion. Und über eine starke negative.

Warum?

Zwei Familienfotos, keine außergewöhnlichen Situationen, Bilder, die es aus meiner Kindheit auch geben könnte. Ah ja. Die erste Spur. Die positive.

In dem Kind auf dem ersten Bild kann ich mich finden. Mich und die Erinnerung an die langen Sommerferien, die heißen Wochen am Strand. Am Mittelmeer in Italien oder Spanien, in Rosapineta oder Playa de Aro. Das Glück in der Stimme meines Vaters, wenn er nur diese Namen nannte. Der Geruch nach Sonnenmilch und Aftersun, nach Pinienwäldern unter heißer Sonne, nach den dicken, handgeschnitzten Fritten von der Bude neben der riesigen Agave und nach dem Cremegebäck, das einige Jungen am Strand verkauften. - „¡Alla crema! ¡Cacahuéeeee!“ höre ich die Ausrufer noch heute; erst lange Jahre später habe ich das spanische Wort cacahuetes, Erdnüsse, gelernt und mit diesem langgezogenen Rufen in Verbindung gebracht. - Das unangenehme Jucken auf der Haut in den ersten Tagen, bis sich meine Stadtkindhaut an so viel Luft und Sonne gewöhnt hatte. Das wunderbare, tief geliebte und immer etwas unheimliche Meer. Wenn ich kurzsichtig beim Schwimmen in das Sonnenlicht hinein blinzelnd Welle nach Welle kommen sah, die Lichtreflexe auf den kleinen Wasserhügeln, schien mir das wie eine Vorschau auf die Unendlichkeit. Die Tiefe unter mir als das große dunkle Geheimnis, auf dem sich alles Leben abspielt. Überhaupt: dieses Blinzeln im viel zu hellen Licht, mal irritiert, mal genießerisch. Die Geborgenheit auf dem gemeinsamen Badehandtuch, aus der heraus ich die Welt um mich herum ansehen und mir einverleiben konnte. Mit der Skepsis eines Kindes gegenüber den nie ganz zu verstehenden Erwachsenen. Mit dem heimlichen Überlegenheitsgefühl der Kinder, denen die Erwachsenen leid tun, gefangen, wie sie sind, in ihrer komplizierten, langweiligen Welt. Ein Hauch von all dem weht mir aus dem Bild des Kindes entgegen, wie aus einer schlecht geschlossenen Tür zur Vergangenheit. Möge sie sich nie wirklich schließen.

Und das andere Bild? Das ich zuerst gar nicht ansehen wollte. An dem ich geradezu ärgerlich vorbeigegangen bin. So ärgerlich, dass es mich selbst gewundert hat. Und ich mich förmlich gezwungen habe, stehen zu bleiben und hinzusehen.

Ein Vater mit Kind. Er sieht jung aus, glücklich, stolz. Strahlend stolz. Das Kind auf dem Arm hält sich fest, verbirgt das Gesicht hinterm Vater, er ist der Schutz vor der Welt. Und er glüht in die Kamera vor Liebe und Glück. Das Leuchten, das ihn von hinten trifft, unterstreicht das Strahlen des Glücks nur noch.

So, wie ich mich im vorigen Bild mit dem Kind in eins setzen konnte, so könnte ich es hier mit dem jungen Vater. Das Kind auf diesem Bild hat mir nichts zu sagen, es ist stumm: das Objekt, das Vaterschaft hervorbringt und zugleich anzeigt. Also der junge Mann. Und hier beginnt meine Abwehr. Hier ist das Glück, das ich mir im Leben auch gewünscht habe. Elternschaft. Kinder. Diese wilde, stolze, ungläubige Liebe. Alles in seinem glücklichen Gesicht enthalten. Und in dem Licht, das in ihm und um ihn herum leuchtet. In meinem Leben nicht. Wie sehr mich damals die Erkenntnis zerstört hat, dass ich nie ein Kind bekommen werde. Wie lange ich gebraucht habe, um mit ihr weiterzuleben. Heute ist der Schmerz tief ins Innere gewandert, eine Farbe in der dunklen Grundierung auf der Leinwand. Jeden Tag ist er nicht mehr zu spüren, manchmal scheint es, als gebe es ihn nicht mehr.

Es braucht schon eines so meisterhaften Bildes wie dieses, um den Schmerz zurück in den Vordergrund der Gefühle zu holen.

Es genügt ein fremdes Familienfoto, und er ist wieder da.