Christiane Birr

Fotografie

Der Raum zwischen zwei Felsen: Degaldoruwa

Einer der schönsten Orte, die uns unser Freund Upali in der Gegend von Kandy zeigt, ist der Höhlentempel von Degaldoruwa, was soviel bedeutet wie der Raum zwischen zwei Felsen. Tatsächlich hat man hier vor Jahrhunderten eine waagerechte Spalte zwischen zwei riesigen Granitblöcken in drei Stufen erweitert und zum Tempel mit Vorhalle ausgebaut.

Uns empfängt ein älterer, stattlicher und überaus gut aufgelegter Mönch, der leider kein Englisch spricht, nur ein schwungvolles, autoritatives Sinhala, es aber als eine adäquate Form der Ehrbezeugung anzusehen scheint, fotografiert zu werden. (Er fordert auch nachdrücklich gestisch dazu auf.)

Der Tempel ist klein, aber toll. Achthundert Jahre sollen die bemalten Holztüren alt, und früher (da war ja immer alles besser) seien sie mit Juwelen geschmückt gewesen. Ein großer liegender Buddha.

Die Felsdecke ist vollkommen ausgemalt mit dem Kampf Buddhas gegen die Dämonen. Manches ist ein bisschen dunkel, aber was man sehen kann, ist überwältigend in Feinheit und Detailfülle: die tiergesichtigen Dämonen, die Waffen schwingen, ihr Fürst, der auf einem Elefanten vorausreitet, und der große, völlig in sich ruhende Buddha selbst.

Die Wand des Vorraums, hinter welcher der eigentliche Tempelraum liegt, ist in durchgehenden Bildstreifen mit Szenen aus den Jatakas bemalt, den Geschichten von Gautama Buddhas vorangegangenen Existenzen. Die Geschichten sind zwischen 2300 und 1600 Jahren alt und gehören zu den Grundlagen den Theravada-Buddhismus, wie er auf Sri Lanka gelebt wird. Seit dem 5. Jahrhundert sind 547 solcher Geschichten zu einer festen Sammlung zusammengefasst.

Die letzte und längste erzählt von der Inkarnation des Buddha als freigiebiger Prinz Vessantara, und die ist ein prominenter Stelle im Vorraum illustriert.

Wieder ganz fein gezeichnete Figuren auf rotem Grund. Der Mönch legt hier eine längere Lehrstunde ein, Bild für Bild und wortreich. Publikum sind Upali und ein weiterer einheimischer Besucher, die offenbar beide gleich mal auf ihre „Bibelfestigkeit“ geprüft werden, das heißt, auf ihre Kenntnisse der Jatakas, der Geschichten aus den früheren Inkarnationen Gautama Buddhas.

Upali weiß (natürlich) auf jede Frage eine Antwort und benimmt sich höchst respektvoll (der andere junge Mann filmt zwischendurch ein bisschen mit seinem Handy). The Venerable ist sehr zufriehen, und an einigen Stellen der Geschichte fordert er Upali auf, mir das später auch zu erklären. – Das tut er dann auch, aber erst gibt es den Segen des Buddha für Upali und seinen „Mitschüler“, dann auch für mich, und wie ich es bei den anderen beiden gesehen habe, gehe ich kurz in die Knie und berühre die Füße des Mönchs.

Welche Geschichte hat uns der Mönch nun erzählt?

Die Geschichte des freigiebigen Königs Vessantara, der alle Kostbarkeiten seines Reiches weggibt. Schon seine Geburt wird mit Wunderzeichen ausgeschmückt: so sei er mit offenen Augen zur Welt gekommen und habe noch in der Stunde seiner Geburt seine Mutter angesprochen: „Mutter, ich möchte Almosen spenden; ist etwas da?“ - „Mein Sohn, gib nach Lust Almosen“, ist die Antwort, und das Baby erhält eine Börse mit tausend Goldstücken, um sie zu verteilen. Dazu findet man einen jungen, ganz weißen Elefanten unvermutet in den königlichen Stallungen, den man sofort für den Gefährten und Helfer des jungen Vessantara erkennt. – Als Vessantara sechzehn Jahre alt ist, überträgt ihm sein Vater die Regierung. Der junge Mann heiratet die schöne Maddi, und die beiden bekommen in den nächsten Jahren einen Sohn und eine Tochter. Vessantara lebt seine Freigiebigkeit auch als König aus, es ist das Leitthema seines Lebens. Und sie bringt ihn schließlich in Schwierigkeiten, als er Abgesandten des Nachbarreichs ohne lange zu zögern den weißen Elefanten schenkt, das Symbol der Kraft und des Fortbestands des eigenen Reiches. Das Volk und die Adeligen protestieren vehement und verlangen von Vessantaras Vater, das Heft der Regierung wieder an sich zu nehmen – die Unruhen lassen sich erst besänftigen, als Vessantara mit Frau und Kindern in die Verbannung geht, in die Wildnis des Himalayagebirges. Auf dem Weg verschenkt er noch erst die Pferde, die den Wagen der Familie ziehen, dann den Wagen selbst; seine Frau und er nehmen die beiden kleinen Kinder auf den Arm und ziehen zu Fuß zum Himalaya. Schließlich finden sie einen geeigneten Ort in der Wildnis, an dem sie bleiben wollen. Vessantara und seine Frau Maddi kommen überein, in getrennten Behausungen zu wohnen, um den Regeln der Keuschheit zu folgen. So wohnt Maddi mit den Kindern zusammen, Vessantara bleibt in einer eigenen Höhle – oder Laubhütte, da ist sich die Überlieferung nicht einig. Jeden Morgen liefert Maddi die Kinder bei ihm ab und geht dann zum Sammeln von Früchten und anderem in den Wald. Wenn sie am Nachmittag zurückkommt, werden die Kinder gebadet, dann isst die Familie zusammen, und für die Nacht kehrt Maddi mit den Kindern in ihre eigene Höhle (oder Laubhütte) zurück.

Das ist ein bescheidenes, aber idyllisches Leben – und natürlich kann es nicht so bleiben. Vessantara erhält eines Tages Besuch von Jujaka, einem armen Brahmanen: seine junge Frau droht, ihn zu verlassen und einen neuen Mann zu nehmen, wenn er nicht für sie zwei junge Sklaven herschafft, obschon ihm eigentlich für solchen Luxus das Geld fehlt. Sie ist es auch, die ihn auf den König Vessantara aufmerksam macht, der nicht weit von ihnen in der Wildnis lebe: von ihm könne Jujaka sicherlich zwei Sklaven, einen Jungen und ein Mädchen, verlangen.

Es kommt, wie man es schon vorhersieht: Jujaka fragt Vessantara nach seinen beiden Kindern, die er als Sklaven mit sich nehmen will. Vessantara ist tatsächlich glücklich über die Gelegenheit, wieder geben zu können, bittet aber Jujaka, bis zum nächsten Tag zu warten, damit sich auch die Mutter von den beiden Kindern verabschieden kann. Jujaka, der sich ohnehin ohne jede Höflichkeit aufführt, hat Angst vor Maddi und ihrem Widerstand gegen seine Begehrlichkeit und besteht darauf, sofort mit den beiden Kindern aufzubrechen. Vessantara versucht noch, ihn zu überreden, die Kinder zu einem befreundeten König zu bringen und von ihm eine reiche Belohnung dafür zu empfangen. Jujaka weigert sich rüde, er brauche zwei Sklaven für seine Frau und als zwei Sklaven werde er die beiden Kinder mitnehmen.

– Die Kinder, die das alles mitanhören, verstecken sich in einem Lotusteich. Bis zum Hals stehen sie im Wasser, den Kopf jeweils mit einem großen Lotusblatt bedeckt, um unsichtbar zu werden. Vessantara geht ihrer Spur nach, findet sie und ruft sie aus dem Wasser heraus, bittet sie, mit Jujaka zu gehen und ihm, ihrem Vater, so den Weg zur Vollkommenheit zu ebnen. Unter Tränen, aber aus Liebe zu ihrem Vater, lassen sich die beiden darauf ein. – Die Erzählung lässt keine Zweifel daran, wie fürchterlich diese Entscheidung für alle Beteiligten ist, die Erde bebt, das Geben und Gegebenwerden ist zwar tugendhaft, aber herzzerreißend für Vessantara und die Kinder. (Und die Mutter weiß noch nichts davon.)

Jujaka zeigt jetzt aber erst so richtig, was für ein schlechter Mensch er ist. Er fesselt die Kinder mit Ranken und treibt sie mit Schlägen vor sich her. Vessantara trauert und wütet gegen sich selbst, ist drauf und dran, Jujaka zu folgen und ihr zu erschlagen und kann nur unter Aufbietung aller Selbstbeherrschung und Konzentration auf die „Art der Weisen“ sich davon zurückhalten. – Am Abend, als Jujaka die Kinder an einem Baum anbindet, erbarmen sich die Götter und sorgen für die beiden in der Nacht und in allen folgenden Nächten.

Schließlich kommen Jujaka und die Kinder tatsächlich zum benachbarten König Sanyaja, dem Vater Vessantaras und dem Großvater der Kinder. Er kauft die beiden zu einem märchenhaften Preis ab.

Jujaka ist reich und lässt sich in einem Palast nieder. Seine erste Tat als reicher Mann: ein Festmahl muss her, das seinesgleichen sucht. In seiner Gier soll er buchstäblich beim Prassen und Völlern geplatzt sein.

Der Sohn Vessantaras aber macht seinem Großvater schwere Vorwürfe, dass er Vessantara einst in die Verbannung geschickt hat. Der Großvater bereut und schickt ein großes Heer aus, um den verbannten Sohn und seine Frau aus dem wilden Himalaya zurückzuholen. Und weil man keine Verwandten des geplatzten Jujakas findet (so genau hat man wohl auch nicht gesucht, denn was ist mit Jujakas junger Ehefrau, die unbedingt zwei Sklaven wollte?), fällt der märchenhafte Kaufpreis an den König zurück. – Nach neuneinhalb Monaten in der Verbannung kehren schließlich Vessantara und seine Familie in ihren Palast und ihr altes Leben zurück, zum Happy End.