Wir leben und arbeiten längst ebenso sehr in der digitalen wie in der realen Welt. Der wachsenden Erwartung, möglichst alle verfügbaren Informationen zu jedem Thema im Internet zu finden, tragen Bibliotheken mit ehrgeizigen Digitalisierungsprojekten Rechnung. Zum dritten Mal in der Geschichte Europas, nach der Erfindung des Buches in der Spätantike und des Buchdrucks mit beweglichen Lettern zu Beginn der Neuzeit, muß das überlieferte Wissen einen medialen Flaschenhals passieren: Was nicht in das neue digitale Medium, in Online-Bibliotheken und digitale Repositorien überführt wird, droht, in die Vergessenheit abzusinken.
Traditionelle Haptik weicht universalem Zugriff, und noch ist kaum abzusehen, wie dieser Wandel unser Denken, Argumentieren, Lernen und Bewahren in der digitalen Welt verändern wird. Sicher ist nur: es wird sich verändern.
In diesem Wandel wird Papier seine Bedeutung als massenhaftes Trägermedium von Informationen verlieren, so wie Papyrus und Pergament vor ihm. Verschwinden aber wird es nicht, sondern sich weiterentwickeln: als Luxusgegenstand, als Material für Künstler und als Suchtstoff für Bibliophile.
Das Projekt "Papier" spürt diesem medialen Wandel nach: der Faszination alter Bücher und ihrer Konservierung ebenso wie ihrer Übersetzung in das digitale Universum, in denen neue Leser sie erwarten.
"Mein Arbeitsgebiet ist die Rechtsgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts. Als ich zum ersten Mal ein Buch aus dieser Zeit aufschlug, war ich fasziniert und rettungslos verloren. Es ist ein sinnliches Vergnügen, mit diesen Büchern zu arbeiten, und ein intellektuelles Vergnügen, mit ihren Autoren in ein Gespräch einzutreten: Unsere und ihre Fragen und Argumente bauen eine Brücke über die Jahrhunderte."
An einem book2net Aufsichtscanner digitalisiert eine junge Wissenschaftlerin einige Kapitel einer kommentierten Sammlung kastilischer Gesetze des 16. Jahrhunderts.
Andrea Alciat: In Digestorum sive Pandectarum Libri XII. Lyon 1542
Gesetzeskommentare der frühen Neuzeit mit charakteristischer Typografie: der zu kommentierende Gesetzestext steht in der Mitte der Seite, umrahmt von Erläuterungen und Verweisen.
Andrea Alciat: Parerton Iuris Libri tres. Lyon 1543
Nicht nur Papier als Informationsträger wird durch digitale Formate ergänzt bzw. ersetzt: Auch Bildersammlungen liegen zunehmend in digitalisierter Form vor.
Ein ayurvedisches Lehrbuch: Das traditionelle Palmblatt-Buch gehört immer noch zum Lehrmaterial an einer Ayurveda-Schule in Sri Lanka.